Sonntag, 16. Oktober 2011

Arm dran

Wenn man Armut am aktuellen Wohlstand der arbeitenden Bevölkerung misst, gibt es heute im westlichen Abendland, verglichen mit früheren Verhältnissen, keine Armut mehr. Trotzdem glauben viele Leute, unglaublich arm zu sein. Die gefühlte Armut ist riesengroß. Weil sich der Maßstab geändert hat. Die Spitze etabliert sich als neue Orientierungsrichtung. Zwangsläufig muss einen da das Gefühl beschleichen, dass "die da oben" reich und reicher werden, während das eigene Dasein auf bescheidenem Niveau stagniert. Dieses Gefühl bringt momentan die "Occupy Wall Street"-Bewegung zum Ausdruck, die langsam nach Europa rüberschwappt. Das ist alles schön und gut, und natürlich haben die Demonstranten recht damit, dass die Finanzindustrie unverschämt mächtig geworden ist und ihre Akteure gemessen an dem, was sie eigentlich tun, skandalös viel einstreichen. Viel zu viel. Korrekturen sind überfällig. Aber seit wann schielt man so verbittert nach oben und vergleicht sich mit den Reichsten? Wie konnte sich die Perspektive so unheilvoll verschieben? Wir haben zwar einiges, aber jetzt wollen wir noch mehr? Klingt nach einem Anfängerfehler.